Vor der ganzen Klasse bloßgestellt! So diskriminierend ist der Fingerspitzentest

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An amerikanischen Schulen gibt es entweder Uniformpflicht oder strenge Regeln, wie die Schüler gekleidet sein sollen. Diese Vorschriften sind zum Teil veraltet und treiben seltsame Blüten. Als Sinn von Schuluniformen wird häufig genannt, dass Kinder durch Tragen von gleicher Kleidung nicht versuchen können sich über Markenklamotten zu profilieren.

Das Tragen von Uniformen schränkt jedoch den Selbstausdruck ein und dies ist einer gesunden Entwicklung nicht förderlich. An einigen amerikanischen Schulen gibt es daher eine Kleiderordnung. Oft beinhaltet sie den sogenannten Fingerspitzentest. Aus dieser absurden Regel entstehen jedoch viele Konflikte. Die 14- jährige Schülerin Demetra und ihr Vater können ein Lied davon singen.

1. Der Fall Demetra

Die 14-jahrige Schülerin Demetra A. besucht die Middle School in der kalifornischen Stadt Los Gatos. Es ist nicht erst seit Albert Hammond’s Hit „It never rains in Southern California“ bekannt, dass die Temperaturen in diesem Bundesland meist sommerlich sind. Demetra und ihren Eltern schien es daher durchaus passend, dass ihre Tochter in einem kurzen Jumpsuit aus Baumwolle zur Schule ging.

Schwitzen und einengende Kleidung tragen sicher nicht zum Lernerfolg bei. Die Kinder sollen sich beim Lernen wohlfühlen, war die Meinung der Familie Alarcon. Umso erstaunter waren die Eltern, als Demetra mitten zur Schulzeit weinend zu Hause auftauchte.

2. Öffentlich gedemütigt

Das Mädchen erzählte, dass sie von ihrem Lehrer aufgefordert worden war sich vor die Klasse zu stellen und dem Fingerspitzentest zu unterziehen. Schluchzend berichtete Demetra, sie habe sich in Grund und Boden geschämt und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Der Lehrer habe sie anschließend aufgefordert sofort nach Hause zu gehen und sich umzuziehen.

Die Eltern waren entrüstet. Sie konnten an der Kleidung ihres Kindes nichts Ungewöhnliches entdecken und wussten, dass auch Demetras Freundinnen in Jumpsuits zur Schule gingen. Dem Mädchen blieb nun jedoch nichts anderes übrig, als sich umzuziehen. Leider wurde ihre Demütigung damit noch erweitert.

3. Der Fingerspitzentest

Das Mädchen schlüpfte in Top und Shorts. Der Fingerspitzentest besagt, dass die Hose länger sein muss, als die Fingerspitzen die an den Beinen entlang gestreckt werden. Das Ergebnis war zweifelhaft. Demetras Hose war etwas kürzer. Der Vater des Mädchens Tony Alarcon bestärkte seine Tochter jedoch sich nicht einfach dieser unsinnigen Regel zu beugen.

Er hatte immer wieder gesehen, dass Jungs Schirmmützen trugen, obwohl dies laut Kleiderordnung der Schule untersagt war. Für ihn und seine Familie gab es keinen Grund sich einer Einschränkung wie einem Fingerspitzentest zu unterwerfen. Demetra stellte sich in Shorts und Top im Büro des Schulleiters vor, doch was dann passierte, schlug dem Fass den Boden aus.

4. Erneut nach Hause geschickt

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Das junge Mädchen wurde erneut getadelt und nach Hause geschickt. Tony Alarcon war sich bewusst, dass es seine elterliche Pflicht war, dem Dingen auf den Grund zu gehen. Der Vater bat um ein Gespräch bei der Schulleitung und eine Begründung für Demetras Ausschluss vom Unterricht. Zunächst wies der Direktor auf die Kleiderordnung hin.

Nachdem Tony Alarcon jedoch erwidert hatte, dass Schüler ständig mit ihren Kappen gegen die Verordnungen verstießen, rückte der Schulleiter mit einer weiteren Begründung heraus. Es wären schließlich Jungs in der Klasse, die durch die kurzen Hosen vom Unterricht abgelenkt würden. Der Vater war entsetzt, dass seine Tochter für die Schulleistung der Jungs verantwortlich gemacht wurde.

5. Eltern wehren sich

Der Vater suchte Unterstützung in der Öffentlichkeit und gab der örtlichen Presse Interviews. Es sei den jungen Mädchen gegenüber diskriminierend auf der Fingerspitzenregel zu beharren, erklärte er. Zudem weise er entschieden zurück, dass Mädchen für das Verhalten, die Leistung und die Gefühle von Mitschülern verantwortlich gemacht werden.

Die Zeiten in denen bereits junge Frauen zu sexualisierten Objekten gemacht werden, müssten endgültig vorbei sein. Im Laufe der Zeit wurde Tony Alarcon auf weitere Fälle aufmerksam, die dem seiner Tochter nicht unähnlich waren. Zum Beispiel der Eklat auf Claires Abschlussball, der ihn noch weiter in seiner Meinung bestärkte.

6. Der Fall Claire

Claire fieberte wie die meisten amerikanischen Teenager dem jährlichen Abschlussball entgegen. Ein großes Ereignis, das in diesem Jahr in Räumen der örtlichen Methodistenkirche stattfinden sollte. Wochenlang hatte sich Claire mit ihren Freundinnen darauf vorbereitet. Frisur, Kleid, Schuhe und Make-up für die wichtige Party waren ein bestimmendes Thema in der letzten Zeit gewesen.

Das 17-jährige Mädchen hatte ein silbernes enges Pailletten-Kleid gewählt. Der Fingerspitzentest fiel knapp aus. Das Kleid reichte exakt bis zu dem Fingernagel ihres Mittelfingers, doch was würde beim Tanzen passieren? Würde sich die Aufsicht daran stören, dass das Kleid bei entsprechender Bewegung etwas nach oben rutschen würde?

6. Das Kleid zum Abschlussball

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Am Einlass zu der Veranstaltung angekommen gelang es Claire den Kontrolleur zu überzeugen, dass ihr Kleid den Fingerspitzentest besteht. Nun stand einer ausgelasseneren Feier nichts mehr im Wege. Claires Clique tanzte fröhlich, doch bald schon würde die Stimmung umschlagen. Das Mädchen beobachtete, dass sehr viele Väter als Aufsichtspersonen anwesend waren.

Diese standen zum Großteil auf den Balkonen und schauten den Mädchen beim Tanzen zu. Claire hatte ein unbehagliches Gefühl. Tatsächlich dauerte es nicht lange und sie wurde zur Festorganisation zitiert. Die Organisatorin Ann Duncan forderte das Mädchen auf die Veranstaltung sofort zu verlassen, da ihr Kleid nicht den Vorschriften entspräche.

7. Andere tanzten ausgelassen

Irritiert schaute sich das Mädchen um. Auf der Tanzfläche wurde gejohlt, wild getanzt und geknutscht, doch daran schien sich niemand zu stören. Jamie Claires Freund war empört. Er war sich sicher, dass die Ursache für den Verweis bei den Vätern lag, die von der Balustrade spechteten. So eine Ungerechtigkeit wollte sich das Teenager-Paar und ihre Clique nicht gefallen lassen.

Allerdings hatten sie nicht mit Ann Duncans Hartnäckigkeit gerechnet, sie warnte das Mädchen mehrmals eindringlich nun das Gelände zu verlassen. Die Clique forderte das Eintrittsgeld zurück. Widerstrebend gab Ann dem Mädchen ihr Geld zurück, ihren Freunden jedoch nicht. Ein Skandal, der sich schnell über Facebook verbreitete.

8. Von der Party verwiesen

Ann Duncan musste sich öffentlich rechtfertigen. Sie behauptete das Claire sich auf dem Boden der Tanzfläche gewälzt hätte. Eigentlich hätten sie genauer auf die Einhaltung der Fingerspitzenregel achten sollen, gab sie weiter zum Besten. Die Väter die als Aufsichtspersonen eingesetzt gewesen wären hätten sich über das Mädchen beschwert.

Claire gab zwar zu, dass sie ausgelassen getanzt hätte, auf dem Boden gewälzt habe sie sich jedoch nicht. Sie sei körperlich etwas weiter entwickelt als die anderen Mädchen ihrer Jahrgangsstufe, doch das gäbe niemand das Recht sie wie ein Objekt zu behandeln, konterte Claire öffentlich. Das Mädchen beschrieb den Vorfall aus ihrer Sicht auf Facebook und war erstaunt über die Flut an Kommentaren.

9. Unterstützung auf Facebook

Unzählige Mädchen berichteten, dass ihnen ähnliches widerfahren wäre und sie sich durch Kleiderordnungen diskriminiert fühlen würden. Es kann nicht sein, dass junge Mädchen als sexualisiertes Objekt betrachtet werden. Die Schule ist ein Ort des Lernens und darauf sollten sich die jungen Menschen konzentrieren dürfen. Claire hoffte, dass ihr Fall dazu beitragen würde in dieser Hinsicht eine Veränderung anzustoßen.

Tatsächlich kam an einer Schule in Oregon der Stein noch weiter ins Rollen. Im Jahr 2016 protestierten in diesem Bundesstaat Schülerinnen gegen die strengen Kleiderverordnungen. Die Evanston Township School ging Vorbildhaft voran und änderte die veraltete Kleiderordnung. Diese Neuerungen wurden von der „National Organisation for Woman“ in Portland als Richtlinien ausgegeben.

10. Etwas muss geändert werden

Niemand dürfe wegen seiner sexuellen Orientierung, körperlicher Eigenheiten, Klasse der Rasse ausgeschlossen werden, lautet es in den Richtlinien. Kleidungsstücke wie Mützen, Leggins, Shorts und andere die lange als verpönt galten sollen nun legitimiert werden. Die Evanston High School gilt mit der modernen Kleiderordnung vielen amerikanischen Schulen als Vorbild.

Wichtig sei, so die Chefin der „National Organisation for Woman“, dass man sich kleiden kann wie man möchte, egal welches Geschlecht man hat. Mädchen können das Gleiche tragen wie Jungs und umgekehrt. Jeder solle zum Ausdruck bringen dürfen, wer er ist. Trotz dieses Vorstoßes gibt es jedoch an allen Schulen noch Kleiderordnungen. Was hat sich tatsächlich geändert?

11. Beispielhafte Regeln

Es gibt Körperteile, die sollten die Schüler bedeckt halten, erklärte Lisa Frack von der „National Organisation for Woman“. Allerdings wären die neuen Kleiderrichtlinien offener und ließen zu, dass sich Schülerinnen und Schüler frei ausdrücken könnten. Feministisch, anti-rassistisch und tolerant, so möchte die Evanston High Scholl gesehen werden. Landesweit greifen immer mehr Schulen diesen Trend auf.

Die Kleiderordnungen sind alte Zöpfe und gehören überarbeitet, so lautet der Tenor der meisten Schülermitverwaltungen. Die Fingerspitzenregel ist der Ausdruck, dass man an amerikanischen Schulen dringend offener und toleranter werden müsse. Das Ziel ist es junge Menschen zu selbstbewussten und selbstbestimmten Erwachsenen zu erziehen. Mitbestimmung sei gefragt!