Ein junger Forcado, ein 700-Kilo-Bulle und eine Stadt, die den Atem anhält – in Lissabons traditionsreicher Arena Campo Pequeno endet ein gefeiertes Debüt in blanker Tragik.
Die Nacht im Campo Pequeno
Das Sommerlicht über Lissabon verblasste, als sich rund 7 000 Zuschauer in Portugals berühmtester Stierkampfarena versammelten. Zwischen den hell erleuchteten Bögen wehten die rot-grünen Fahnen, Trommeln grollten, Fado-Melodien legten sich über die Ränge – alles war bereit für eine Nacht, die in die Geschichte eingehen sollte.
Unter den Forcados, die ohne Waffen den Stier frontal „packen“, stand Manuel Maria Trindade, 22 Jahre jung, voller Stolz im neuen Samtjackett. Es war sein allererstes Mal im großen Rund – niemand ahnte, dass dieser Auftritt zugleich sein letzter sein würde.
Weiter geht’s mit der unbändigen Kraft, die plötzlich durch den Sand brach …
Der Augenblick der Konfrontation
Als der Bulle aus dem Tor schoss, bäumte sich ein kolossales Muskelpaket von fast sieben Zentnern auf. Manuel stellte sich ihm entgegen, Arme weit, Blick fest, der traditionelle „Pega de Cara“ begann. Ein Sekundenbruchteil entschied: Der Stier senkte den Kopf, rammte den Forcado in die Höhe und schleuderte ihn mit knochensplitternder Wucht gegen die Bande.
Die Menge erstarrte, Stille betäubte das Stadion – nur das Prusten des Tieres hallte wider. Mehrere Kameraden rannten heran, wurden jedoch ebenfalls umgerissen, als der Stier nachsetzte.
Doch was geschah im Publikum, als der Sand sich plötzlich rot färbte?
Schockstarre auf den Rängen
Ein ohrenbetäubender Aufschrei brach los, gefolgt von einem Chor aus Gebeten und entsetztem Weinen. Sanitäter stürmten herbei, legten Manuel mit schwersten Kopfverletzungen auf eine Trage. Währenddessen brach ein 73-jähriger Zuschauer auf den Rängen zusammen – auch er sollte den Abend nicht überleben.
Binnen Minuten jagten Blaulichter durch Lissabons Straßen Richtung Krankenhaus São José. Ärzte versetzten den jungen Mann in ein künstliches Koma, während draußen Hunderte Fans Kerzen anzündeten.
Wer war dieser 22-Jährige, dessen Schicksal nun ganz Portugal erschütterte?
Ein Leben für den Stierkampf
Geboren in Évora, wuchs Manuel zwischen Korkeichenhainen und Stierzucht-Weiden auf. Sein Vater kämpfte einst in derselben Forcado-Gruppe São Manços, sein Großvater war Züchter. Für Manuel war die Arena kein Ort der Angst, sondern sein Kindheitstraum – monatelang trainierte er, um das Debüt in Campo Pequeno zu verdienen.
Trainer lobten seine blitzschnellen Reflexe, Fans sein charismatisches Lächeln. Portugals Forcado-Kreise sahen in ihm bereits den Erben einer neuen Generation – bis das Schicksal binnen Sekunden erbarmungslos zuschlug.
Doch warum gilt gerade die portugiesische Variante als besonders riskant?
Die Gefahr ohne Waffen
Im Gegensatz zu spanischen Toreros greifen portugiesische Forcados weder zum Degen noch zur Lanze. Sie stellen sich dem Tier mit bloßen Händen, Hörner gepolstert – doch 700 Kilogramm geballte Wucht lassen sich nicht zähmen. Jeder Fehltritt kann tödlich enden, wie Statistiken mit blutroten Zahlen belegen.
Tierschützer monieren das Leid der Tiere, Traditionalisten verweisen auf jahrhundertealte Rituale. Nach Manuels Unfall flammte die Debatte neu auf: Ist ein Spektakel, das Mensch und Tier so brutal gefährdet, noch zeitgemäß?
Und was wurde aus dem Stier und den Trauernden nach dieser Nacht?
Nachspiel und offene Fragen
Vier Tage später erlag Manuel im Krankenhaus seinen Hirnverletzungen; ganz Évora säumte die Straßen, als sein Sarg von Mit-Forcados getragen wurde. Der Bulle, so bestätigte die Arena-Leitung, wurde betäubt und in eine Zuchtfarm zurückgebracht – sein weiteres Schicksal bleibt ungewiss.
Mit zwei Toten, endlosen Schlagzeilen und neuen Protesten ringt Portugal nun um die Zukunft einer Tradition, die Helden und Tragödien zugleich gebiert. Manuel Maria Trindades Name wird fortan mahnend über jeder Arena schweben – als Erinnerung daran, welch schmaler Grat zwischen Ruhm und Verlust liegen kann.